Economics Terms A-Z - Die wichtigsten Fachbegriffe der VWL.

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Economics Terms A-Z

Ungleichheit

Ökonomische Ungleichheit bezieht sich auf die Untersuchung der (ungleichen) Verteilung von Ressourcen innerhalb einer Gesellschaft. Wenn Ökonomen von Ungleichheit sprechen, meinen sie in der Regel die Einkommensungleichheit, also die ungleiche Verteilung des gesamten Einkommens einer Volkswirtschaft auf ihre Bürger. Der Begriff Ungleichheit wird manchmal jedoch auch in anderen Zusammenhängen verwendet, etwa in Bezug auf Vermögens-, Chancen- oder Konsumungleicheit.

Das Gesamteinkommen in einer Volkswirtschaft wird auf ihre Bürger verteilt und jeder Bürger erhält einen bestimmten Anteil an diesem Einkommen. In vielen Gesellschaften verdient die Mehrheit der Menschen ein vergleichsweise niedriges Einkommen, gemessen am Durchschnittseinkommen. Das bedeutet, dass in den meisten Ländern das Medianeinkommen niedriger ist als das mittlere (oder durchschnittliche) Einkommen. Daraus folgt, dass die Mehrheit der Bürger einen geringen Anteil am gesamten Einkommen hat. Gleichzeitig beanspruchen einige wenige sehr reiche Menschen mit extrem hohen Gehältern einen großen Teil des gesamten Einkommens einer Volkswirtschaft für sich. Also ist das gesamte Einkommen ungleich verteilt, da einige wenige Menschen einen sehr großen Anteil haben, während die Mehrheit der Bevölkerung wenig hat. In einer vollkommen egalitären Welt, in der jeder das Gleiche verdient, wäre das Einkommen gleichverteilt. Stell Dir eine gesamte Volkswirtschaft als kleine Firma vor. Das Geld, das die Firma verdient, wird unter ihren Mitarbeitern verteilt. Normalerweise erhält der Chef oder CEO den höchsten Anteil, gefolgt von Managern oder Mitarbeitern in leitenden Positionen. Die anderen Mitarbeiter erhalten je nach Position geringere Anteile und das Reinigungspersonal verdient am wenigsten.

Wenn Du im Bereich der Wirtschaftswissenschaften studierst (oder während des Studiums einige Wirtschaftskurse belegt hast), dann weißt Du, dass Ökonomen sich normalerweise darum kümmern, ob die Verteilung von Ressourcen effizient ist und ob Umverteilung die Effizienz steigern kann. Eine effiziente Verteilung bedeutet jedoch nicht, dass die Verteilung auch fair oder gerecht ist (siehe Pareto Effizienz). Während unter Ökonomen ein weitgehender Konsens darüber besteht, dass Effizienz eine wünschenswerte Eigenschaft ist, sind sich Ökonomen überhaupt nicht einig, ob Ungleichheit problematisch ist oder nicht. Besser gesagt, niemand weiß, welches Maß an Ungleichheit gut wäre. Ein gewisses Maß an Ungleichheit ist notwendig, um sicherzustellen, dass Individuen oder Firmen Anreize zur Innovation und Leistungserbringung haben - was für das Wirtschaftswachstum entscheidend ist - darüber sind sich Ökonomen auch weitestgehend einig. Die Möglichkeit, mehr zu verdienen (und folglich mehr zu konsumieren) als andere, schafft für Firmen Anreize, neue Produkte zu erfinden oder die Produktion effizienter zu gestalten. Ein zu hohes Maß an Ungleichheit, kann jedoch auch das Wachstum behindern. Das lässt sich daraus schließen, dass viele Länder mit hohem volkswirtschaftlichem Einkommen ein vergleichsweise geringes Maß an Ungleichheit haben. Länder, in denen die Einkommensungleichheit sehr hoch ist, sind außerdem anfälliger für soziale Unruhen. In diesen Ländern müssen viele Ressourcen für die Durchsetzung von Eigentumsrechten und die Gewährleistung von Sicherheit und Stabilität aufgewendet werden. Aus diesem Grund greifen politische Entscheidungsträger häufig durch die Erhebung von Steuern in die Verteilung von Einkommen und Vermögen ein, um Einkommen umzuverteilen und den Bürgern einen bestimmten Lebensstandard zu garantieren. Da umstritten ist, wie viel Gleichheit oder Ungleichheit wünschenswert ist, liegt der Fokus der ökonomischen Forschung eher auf anderen Inhalten - Ökonomen beschreiben oder analysieren häufig die Entwicklung der Ungleichheit im Laufe der Zeit oder vergleichen Einkommensverteilungen in den verschiedenen Ländern und Regionen.

Wie Ungleichheit gemessen wird

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um (Einkommens-)Ungleichheit zu messen und zu quantifizieren. Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass die Ungleichheit in einer Gesellschaft umso größer ist, je stärker das Einkommen (oder Vermögen) in den Händen einiger weniger konzentriert ist. Eine Untersuchung der Einkommensverteilung in einer Volkswirtschaft beginnt häufig mit einem Einkommensvergleich der verschiedenen Quantile oder Perzentile einer Gesellschaft. Diese Messung wird auch als Einkommensquintilverhältnis bezeichnet. Zum Beispiel setzt das sogenannte 80-20-Verhältnis den Anteil des Gesamteinkommens, der von den oberen 20 % der Einkommensverteilung verdient wird, mit dem Anteil des Gesamteinkommens in Beziehung, das von den unteren 20 % verdient wird. Ein weiteres wichtiges Instrument für die Messung von Ungleichheit ist die Lorenzkurve in Verbindung mit dem Gini-Koeffizienten - dieser nimmt einen Wert zwischen 0 und 1 an. Je höher der Wert des Gini-Koeffizienten (je näher an 1), desto ungleicher ist die Verteilung der Einkommen. Neben den Einkommensquintilverhältnis und dem Gini-Koeffizienten sind der Theil-Koeffizient oder das Palma-Verhältnis weitere relevante Maße. Da jedes dieser Maße seine eigenen Stärken und Schwächen hat, ist es empfehlenswert, immer mehrere zusammen zu verwenden, um ein genaueres Bild der Einkommensverteilung einer Gesellschaft zu erhalten.

Bisher haben wir Ungleichheit nur aus einer rein theoretischen Perspektive betrachtet, viele sind sicherlich auch an den dazugehörigen Daten interessiert. Ein Blick auf die Einkommensungleichheit verschiedener Ländern verrät, dass viele Länder mit vergleichsweise geringer Ungleichheit (oft mit Gini-Koeffizienten um oder unter 0,3) in Europa liegen, wie etwa Österreich, die Tschechische Republik, Dänemark, Deutschland, Finnland, Norwegen oder Schweden. Ein hohes Maß an Ungleichheit ist besonders im Süden des afrikanischen Kontinents (der Gini-Koeffizient für Südafrika wird etwa auf 0,6 geschätzt) oder in Zentralamerika wie in Brasilien, Kolumbien, Mexiko oder Venezuela zu finden (nachzulesen unter “The World Bank - Gini index”). In den gerade genannten zentralamerikanischen Ländern hat die Ungleichheit in den letzten Jahrzehnten jedoch (zumindest leicht) abgenommen. Auch in den meisten Ländern mit hohem Einkommen hat die Ungleichheit im letzten Jahrhundert abgenommen. In einigen Ländern, wie zum Beispiel in den USA, ist die Ungleichheit in den letzten Jahrzehnten allerdings wieder angestiegen.

Zum Weiterlesen

Viele Ökonomen sorgen sich über einen positiven Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Kriminalität. Choe (Economic Letters, 2008) untersucht hierzu einen möglichen Zusammenhang zwischen Einkommensungleichheit und Kriminalität in den Vereinigten Staaten und stellt fest, dass die relative Einkommensungleichheit starke Auswirkungen auf die Anzahl an Einbrüchen oder Raubüberfällen hat. Enamorado et al. (Journal of Development Economics, 2016) untersuchen am Drogenkrieg in Mexiko den Zusammenhang zwischen Einkommensungleichheit und Gewaltkriminalität. Sie finden ebenfalls Belege für einen positiven Zusammenhang zwischen höherer Ungleichheit und steigender Gewaltkriminalität. Sie zeigen außerdem, dass ein Anstieg des Gini-Koeffizienten um einen Prozentpunkt einen 36-fachen Anstieg der Mordrate impliziert.

Gut zu Wissen

Ein Hauptproblem von Ökonomen, die sich für Einkommens- oder Vermögensungleichheit interessieren, ist die mangelnde Verfügbarkeit von zuverlässigen Daten. Insbesondere länderübergreifende Vergleiche sind schwierig, schon aus dem Grund, dass verschiedene Länder unterschiedliche Datenbanken verwenden und für einige (Entwicklungs-) Länder überhaupt keine zuverlässigen oder konsistenten Daten vorliegen. Wenn Du Interesse an der Untersuchung von Einkommens- und Vermögensverteilungen hast, gibt es einige Datenquellen, die Dich bestimmt interessieren. Da wären die “Luxembourg wealth studies” - eine detaillierte Datenbank mit den Vermögensdaten der meisten europäischen Länder. Oder auch die “Luxembourg income studies”, zu finden auf derselben Seite, die analog Daten zum Einkommen sammeln. Eine weitere Datenbank ist die  “Survey of consumer finances”, die detaillierte Informationen über die Einkommens- und Vermögenssituation zu Haushalten der USA sammelt.